Die Sprachen der Pflege – zwischen Verstehen und Missverstehen

verfasst von: Karen Güttler (Leitung Forschung & Entwicklung apenio®) und Dr. phil. Florian Reinartz (Forschung & Entwicklung apenio®)

Sprache spielt in der Pflege als kommunikativer Prozess eine zentrale Rolle. In der Domäne „Pflege“ lassen sich unterschiedliche Mensch-Zu-Mensch-Kommunikationssituationen identifizieren, die differenzierte Sprachniveaus und Sprechweisen bewirken. So stehen in der Kommunikation zwischen Pflegekraft und Arzt sowie zwischen Pflegekräften untereinander medizinische und pflegerische Diagnosen, der Zustand des Patienten sowie die Maßnahmen- und Therapieplanung im Mittelpunkt. Sprachniveau und Sprechweisen eröffnen dabei ein breites Spektrum von medizinischer und pflegerischer Fachsprache über konventionalisierte Abkürzungen bis hin zu allgemein üblichen, situationsspezifischen oder alltagssprachlichen Ausdrücken und Metaphern. Am klarsten und unmissverständlichsten gelingt die Kommunikation hier jedoch über die Fachsprachen der Medizin und der Pflege.

In der Kommunikation der Pflegekräfte mit Patienten bzw. Bewohnern muss hingegen auf Fachsprachen weitestgehend verzichtet werden. Wird der Patient/Bewohner über seinen Krankheitsstand, den Behandlungsverlauf und die Pflegemaßnahmen informiert, ist eine einfache, dem Verstehensvermögen des Patienten/Bewohners angepasste Sprache zu wählen.

Missverständnisse vorprogrammiert

Aus den unterschiedlichen Sprachniveaus und Sprechweisen ergeben sich immer wieder Probleme, denn Ärzte, Pflegende und Patienten sprechen trotz gemeinsamen Themas oft nicht dieselbe Sprache. Da Pflegende eine andere, meist ganzheitlichere Wahrnehmung des Patienten haben und eine stärkere emotionale Bindung zu ihm aufbauen, sprechen sie auch anders über Patienten als Ärzte. Diese wiederum versuchen gemäß ihrer akademischen Ausbildung eher objektiv, strukturiert und prägnant zu formulieren. Daraus resultieren Missverständnisse, Fehlinformationen und ein allgemein schlechteres Verständnis und Verstehen der Beteiligten, die bis zur Patientengefährdung führen können. Dies ist beispielsweise insbesondere dann der Fall, wenn uneindeutige Abkürzungen oder hausinterne Bezeichnungen in der Medikation verwendet werden. 

Der interdisziplinären Verständigung widmete sich zwischen 1999 und 2002 ein Modellprojekt der Bundesärztekammer und des Deutschen Pflegerates mit dem Titel „Interprofessionelle Kommunikation im Krankenhaus“ (InterKIK). Dieses Projekt hatte zum Ziel, die Kommunikation zwischen Ärzten, Pflegenden und Patienten zu verbessern, insbesondere in den Bereichen Aufnahme, Visite und Entlassung. Als Resultat des Projektes sowie in der weitergehenden Literatur werden verschiedene Lösungsansätze diskutiert, die die Kommunikation in der Pflege verbessern können.

Lösungsansätze: Wie kann besser kommuniziert werden?

Hierzu zählen gemeinsame Bildungsangebote für Pflegende und Ärzte sowie eine stärkere strukturelle Förderung von Teamarbeit durch (auch sprachlich) besser definierte Prozesse. Das SBAR-Tool stellt dazu ein Hilfsmittel dar: Visiten, Übergaben und Entlassungen sind dabei nach den Punkten Situation (S), Background (B), Assessement (A) und Recommendation (R) strukturiert. Auf Seiten von Controlling, Ärzten und Pflegedienstleitung bieten sich zudem Trainings für Führungskräfte an, um die Kommunikation zu den Mitarbeitern zu verbessern. In gemeinsamen Kommunikationstrainings können die Berufsgruppen gemeinsam am gegenseitigen Verstehen arbeiten. So wird es möglich, dass sich Ärzte, Pflegende und Patienten sprachlich wieder aneinander annähern und eine gemeinsame Sprache finden können.

 

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Die Autoren dieses Artikels Karen Güttler (Teamleitung apenio® Forschung & Entwicklung) und Florian Reinartz (Sprachwissenschaftler im Team apenio® Forschung & Entwicklung) stehen Ihnen für Fragen oder Anregungen gern zur Verfügung unter Telefon +49 (0) 421 2 23 01-0 oder per E-Mail.


Literatur:

Angelika Abt-Zegelin, Martin W. Schnell (Hrsg.): Die Sprachen der Pflege. Interdisziplinäre Beiträge aus Pflegewissenschaft, Medizin, Linguistik und Philosophie. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2006.

Die Schwester. Der Pfleger. Februar, 2017.

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