Der indirekte Sprechakt – warum wir etwas anderes sagen als wir meinen

verfasst von: Dr. phil. Florian Reinartz (Forschung & Entwicklung apenio®)

Wenn Kommunikation gelingen soll, sollte man Wert auf klare und unmissverständliche Aussagen legen, damit beide Seiten möglichst die gleichen Bedeutungen aus den Äußerungen ziehen. Zwischen Aussage und Bedeutung kann es jedoch Differenzen geben. Ludwig Wittgenstein schreibt in seinen Philosophischen Untersuchungen (ab 1936) den berühmt gewordenen Satz: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken – Wörtern, Satzteilen, Sätzen und längeren Textabschnitten – ergibt sich demnach weniger aus diesen Ausdrücken selbst als aus ihren Kontexten. Derartige Erkenntnisse fallen in die Geburtsstunden der modernen linguistischen Pragmatik.

Zwei Bedeutungen von Bedeutung

Pragmatik ist ein Teilgebiet der Linguistik, das sich mit der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke beschäftigt. Im Gegensatz zur Semantik spielt jedoch der Kontext von sprachlichen Äußerungen eine entscheidende Rolle. Der Sprachphilosoph Herbert Paul Grice trifft folgende Unterscheidung: Die Semantik untersucht das, was mit einer Äußerung gesagt wird (Ausdrucksbedeutung), die Pragmatik hingegen das, was mit der Äußerung gemeint ist (Sprecherbedeutung). Im weiteren Sinne fallen unter die Sprecherbedeutung auch Äußerungskontexte und Kommunikationssituationen.

Sprechen als Handlung

Sprechakte sind Phänomene aus dem Bereich der Pragmatik. Ein Sprechakt ist eine sprachliche Äußerung, die nicht nur einen Sachverhalt darstellt oder eine Behauptung äußert, sondern zugleich selbst eine Handlung ist. Dazu zählen Reden, Befehle, Namensgebungen, Eide, Versprechen usw. Sprachliche Äußerungen in diesen Kontexten können nach Wittgenstein nur dann richtig verstanden werden, wenn sie in Relation zu den Handlungen gesehen werden, die mit ihnen vollzogen werden.

Beispiel :

(1)
a. Ich schreibe.  
b. Ich verspreche, morgen zu kommen.

Während (1a) eine äußere Situation beschreibt, wird mit (1b) nicht nur etwas beschrieben oder gesagt, sondern auch eine Handlung ausgeführt, nämlich ein Versprechen. (1a) stellt mit anderen Worten eine konstative Äußerung dar, (1b) eine performative Äußerung. Letztere ist durch ein performatives Verb markiert. Weitere Beispiele für performative Verben sind:

(2) bitten, befehlen, ernennen, danken, gratulieren, versprechen, schwören…

Der indirekte Sprechakt

Diesen expliziten, performativen Sprechakten stehen auf der anderen Seite indirekte Sprechakte gegenüber. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass ihr Kontext bzw. ihre Sprecherbedeutung hier eine tragende Rolle innehaben.

(3)
a. Kannst du mir das Salz reichen?
b. Dort ist die Tür!
c. Mir ist kalt.

Den Äußerungen in (3), formal eine Frage (3a) bzw. Feststellungen (3b und 3c), liegen jedoch andere Bedeutungen zugrunde:

(4)
a. Reich mir bitte das Salz!
b. Verlassen Sie bitte mein Büro!
c. Schließe bitte das Fenster/die Tür.

Ein indirekter Sprechakt scheint dem Diktum von Klarheit, Eindeutigkeit und Verständlichkeit in der Kommunikation zuwider zu laufen, drückt er doch wörtlich gar nicht das aus, was eigentlich gemeint ist. Zu beachten ist allerdings, dass indirekte Sprechakte meist konventionalisiert sind, d. h. sie sind beiden Seiten der Kommunikation bekannt. Sie bieten zudem weitere Vorteile bzw. Möglichkeiten in der Kommunikation. Etwa dann, wenn ein indirekter Sprechakt doch wörtlich genommen wird:

(5) Dort ist die Tür! Antwort: Das weiß ich!

Weitere Gründe für indirekte Sprechakte sind

  • Breitere Fortführungspieleräume bzw. Auswege für Hörer und Sprecher (vgl. Beispiel 5)
  • Umgehen von Verpflichtungen
  • Unverbindlichkeit
  • Höflichkeit

Indirekte Sprechakte haben also durchaus ihre Berechtigung und tragen zu einer gelingenden Kommunikation bei. Wir müssen eben nicht immer das sagen, was wir meinen, um verstanden zu werden.

Quellen:

Einführung in die Pragmatik. Script. Karl-Michael Schneider, Universität Passau. http://www.thekolibris.de/pdfs/pragmatik.pdf

Johannes Dölling: Semantik und Pragmatik. Institut für Linguistik, Universität Leipzig. http://home.uni-leipzig.de/doelling/veranstaltungen/semprag1.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakttheorie#Explizite_und_implizite,_direkte_sowie_indirekte_Sprechakte

https://de.wikipedia.org/wiki/Pragmatik_(Linguistik)

 

Florian Reinartz - Forschung & Entwicklung apenio

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Florian Reinartz, Linguistik-Experte im Team apenio® Forschung & Entwicklung und Autor dieses Artikels, steht Ihnen für Fragen oder Anregungen gern zur Verfügung unter Telefon +49 (0) 421 2 23 01-0 oder per E-Mail.

Weiterführende Literatur:

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft zu Gebärdensprachen: https://dgfs.de/de/aktuelles/2012/stellungnahme-der-dgfs-zu-gebaerdensprachen.html

Wie funktionieren Gebärdensprachen: https://dgfs.de/de/thema/wie-funktionieren-gebaerdensprachen.html

Svenja Scherrers: Verbalklassen der deutschen Gebärdensprache: http://www.germanistik.uni-wuppertal.de/fileadmin/germanistik/Bergischer_Grimm/BA_Arbeit_Scherrers_komplett.pdf

 

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