Die Debatte zum Pflegeberufereformgesetz

verfasst von: Karen Güttler (Leitung Forschung & Entwicklung apenio®)

Pflegeausbildung Krankenhaus

Das Bundesministerium für Gesundheit plant, die Ausbildung zur Pflegekraft zu reformieren. Ziel des Pflegeberufereformgesetzes ist es, die ehemals getrennt geregelten Ausbildungen der Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Kinderkrankenpflege zu einer neuen Pflegeausbildung mit einheitlichem Berufsabschluss und einheitlicher Berufsbezeichnung zusammenzuführen.

Der neue Berufsabschluss erfüllt die Anforderungen der EU-Berufeanerkennungsrichtlinien und ermöglicht somit die automatische Anerkennung innerhalb der Europäischen Union. Spezialisierungen sollen erst im im Anschluss an die Ausbildung stattfinden und nicht wie bisher von Beginn an. Die Ausbildung kann als berufliche Pflegeausbildung oder als hochschulische Ausbildung absolviert werden, wodurch die Akademisierung der Pflege vorangetrieben werden soll.

Was spricht für eine Vereinheitlichung der Pflegeausbildung?

Der wichtigste Grund für eine Reform der Pflegeausbildung ist die demographische Entwicklung. Die Anzahl hochbetagter Patienten in den Krankenhäusern und der Anteil multimorbider Pflegebedürftiger in der stationären und ambulanten Altenpflege steigt gleichermaßen. Das bedeutet, dass sich die Tätigkeiten in den Berufen Altenpflege und Gesundheits- und Krankenpflege mehr und mehr angleichen und Pflegende sowohl über medizinische und gesundheitspflegerische Kenntnisse als auch über Kenntnisse der Altenpflege verfügen müssen. Die evaluierten Modellprojekte zur integrierten, integrativen und generalistischen Ausbildung haben zudem gezeigt, dass es große gemeinsame Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Pflegeberufen gibt (vgl. ipp Bremen 2009, BMFSFJ 2009, TIP Netzwerk 2009).

Eine weitere Auswirkung der demographischen Entwicklung ist, dass die Anzahl jüngerer Menschen, die die allgemeinbildenden Schulen verlassen, abnimmt. Nun gibt es in den Pflegeberufen bereits jetzt einen Personalmangel. Damit sich mehr junge Menschen für eine Ausbildung in der Pflege entscheiden, muss die Arbeit und Attraktivität der Pflegeberufe im Allgemeinen und in der Altenpflege im Besonderen aufgewertet werden. Eine generalistische Ausbildung, so die Befürworter, kann dazu einen Beitrag leisten, weil die Entwicklungs- und Aufstiegsperspektiven breit angelegt sind und sich die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Pflegeberufen erhöht.

Ein drittes Argument für die Reform ist, dass sich das Wissen in der hochspezialisierten Pflege rasch erneuert, so dass es zu einer Neuverteilung von Aufgaben und Kompetenzprofilen in der Pflege kommen muss. Dazu gehören u. a. lebenslanges Lernen und eine verstärkte Konzentration auf das Entwickeln von Problemlösungskompetenzen. Eine möglichst lange Berufskarriere wird auch durch die Spezialisierung im Anschluss an die Erstausbildung erwartet.

Was spricht gegen eine generalistische Ausbildung in der Pflege?

Was die einen als Argument für die Reform sehen ist, für die anderen ein Argument dagegen. So bemängelt der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), dass die Ausbildung auf Breite und nicht auf Tiefe angelegt ist und befürchtet, dass Pflegende am Ende ihrer Ausbildung nicht die für das Berufsfeld notwendigen Grundlagen in die Einrichtungen mitbringen.

Ebenso wird von Kritikern angenommen, dass das neue Gesetz den Personalmangel insbesondere in der Altenpflege noch verschärft. Die Sorge hierbei ist, dass sich mehr Pflegende in Richtung Krankenhaus orientieren und dass zudem nicht alle heute existierenden Pflegeschulen die generalistische Ausbildung leisten können, so dass Ausbildungsplätze verloren gehen.

Insbesondere die Gesundheits- und Kinderkrankenpflege fürchtet um ihren hohen Spezialisierungsgrad und fordert in einer Petition, das im Gesetz „…eine ausreichende Spezialisierung bzw. Schwerpunktsetzung für die Gesundheits- und Kinderkrankenpflege festgelegt wird, die der aktuellen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Berufe in der Krankenpflege (2003) entspricht.“ (Petition 62564)

Was ist der Kern der Debatte?

Alles dreht sich um die Frage, was professionelle Pflege ist. Müssen sich die Kompetenzen der Pflegenden an den jeweiligen Altersstufen der Pflegebedürftigen oder an der jeweiligen medizinischen Fakultät (Pädiatrie, Geriatrie, Psychiatrie usw.) ausrichten? Oder geht es vornehmlich um Kompetenzen, die alle Pflegenden benötigen und die alterstufen- und fakultätsunabhängig sind?

Wenn letzteres befürwortet wird - wenn es also um den Erwerb spezifischer alters- und fakultätsübergreifender Kompetenzen mit einer sich anschließenden Spezialisierung geht, wie sie bereits in vielen Berufen und Studiengängen vorhanden ist - dann ergibt aus meiner Perspektive eine generalistische Ausbildung Sinn.

Literatur:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2009): Pflegeausbildung in Bewegung – Ein Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Pflegeberufe. Schlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung. http://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/material/PiB_Abschlussbericht.pdf

DBfK Bundesverband (2014) Generalistische Ausbildung in der Pflege. Berlin.
http://www.dbfk.de/media/docs/download/Allgemein/Generalistische-Ausbildung-in-der-Pflege_2014.pdf

Petition 62564 (2015): http://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2015/_12/_09/Petition_62564.nc.html

Stöver, M/Görres, S. (2009): Qualitätskriterien für Best Practice in der Pflegeausbildung – Synopse evaluierter Modellprojekte. Abschließender Projektbericht. Institut für Public Health und Pflegeforschung Universität Bremen http://www.public-health.uni-bremen.de/downloads/abteilung3/abschlussbericht_best_practice.pdf

Transfernetzwerk Innovative Pflegeausbildung (2009): Positionen zur Ausbildung in den Gesundheits- und Pflegeberufen 2009; http://www.tip-netzwerk.de/pdf/Positionspapier-TiP-2009.pdf

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