Die künstliche Intelligenz und ihre Feinde (II) - The Imitation Game

verfasst von: Sebastian Zebbities (Forschung & Entwicklung apenio®)

Der erste Teil unserer Reihe zur künstlichen Intelligenz wies auf einige moralische Aspekte hin, die vor allem im Hinblick auf die starke KI viel diskutiert oder gar befürchtet werden. Starke KI steht für die Vision, der Verstand einer Maschine könnte dem des Menschen eines Tages entsprechen, ihn gar übertreffen. Eine mögliche Emanzipation des Geschöpfs von den Zielen und Vorstellungen seines Schöpfers regt seit jeher die Phantasie des Menschen an. Ausdruck dieser Phantasie ist nicht selten die Dystopie einer durch die Maschine versklavten oder vernichteten Menschheit. Der Mensch scheint sein eigenes Spiegelbild zu fürchten, in das er blickt, wenn er eine Maschine nach seinem Ebenbild kreiert.


Maschinen, die menschlich handeln?

Im Juni 2014 titelte SPIEGEL ONLINE in der Rubrik Netzwelt: „Der unheimlich menschliche Eugene Goostmann“. Es sei ein Meilenstein der Computergeschichte, heißt es weiter, eine russische Software habe erstmals den Turing-Test bestanden. Dieser Test wurde 1950 von Alan Turing entworfen und hat zum Ziel herauszufinden, ob eine Maschine ein dem Menschen entsprechendes Denkvermögen besitzt. „Die Technik könnte allerdings auch von Cyber-Kriminellen genutzt werden“, warnt der SPIEGEL.

Chatbots: Wer ist am anderen Ende - Mensch oder Maschine?
Wer ist am anderen Ende - Mensch oder Maschine? | Bildquelle

Bemerkenswert an diesem Artikel sind die übertonte Relevanz und die zugleich defätistische Darstellung eines relativ schlichten Chatroboters. Hintergrund war der Versuch mit einem Computerprogramm, welches automatisch über eine Text Ein- und Ausgabe mit einem Benutzer chatten kann, den Turing-Test zu bestehen. Dieser Test wurde 1950 von Alan Turing entworfen und hat zum Ziel herauszufinden, ob eine Maschine ein dem Menschen entsprechendes Denkvermögen besitzt. Dabei kommuniziert die Maschine über Tastatur und Bildschirm mit einer Person und besteht den Test genau dann, wenn diese nach eingehender Unterhaltung nicht sicher sagen kann, ob es sich bei ihrem Gesprächspartner um eine Maschine oder eine reale Person handelt. (Vgl. Alan M. Turing, Computing machinery and intelligence. Mind, 1950)


The Imitation Game

Dieser Test wird also genau dann bestanden, wenn eine Maschine ein menschliches Verhalten möglichst exakt imitiert. Er unterstellt, dass menschliche Kommunikation nicht ohne eine ihr zu Grunde liegende Intelligenz geführt werden kann. Diese Annahme behält bis heute ihre Gültigkeit, denn auch das hier getestete Programm hat entgegen der Berichterstattung nicht bestanden. Zum einen konnten nur ca. 30% der Probanden nicht sicher sagen, ob sie mit einem Programm gechattet haben, zum anderen imitierte es einen 13jährigen Jungen. Wissenslücken, grammatikalische und logische Fehler sollten so kaschiert werden.

Auch wenn dies im Test nicht explizit spezifiziert ist, entspricht das Verhalten eines Kindes nicht den Anforderungen, die Allen Turing gemeint hat. So ist die Imitation Neugeborener mit reaktiven, sprechenden Puppen in der  Spielzeugentwicklung lange gelungen und könnte doch keinen Maßstab für ein menschenähnliches System darstellen, obgleich es offensichtlich menschlich handelt.

Der siebzig Jahre alte Turing Test hat auch heute noch Relevanz für die KI-Forschung; größere Projekte, die es darauf anlegen ihn zu bestehen, sucht man jedoch vergebens. Wie in vielen anderen Forschungsgebieten wuchs auch in der KI rasch die Erkenntnis, dass Imitation das Pferd stets nur von hinten aufzuzäumen vermag, wenn es denn überhaupt gelingen kann.

Erster erfolgreicher Flug der Gebrüder Wright
Erster erfolgreicher Flug der Gebrüder Wright | Bildquelle

Das Flugzeug ist heutzutage eines der sichersten und das schnellste Verkehrsmittel der Menschheit. Zum Erfolg führten jedoch nicht die vielen vergeblichen Versuche das Flugverhalten eines Vogels zu imitieren, sondern die Erforschung der Aerodynamik und Entdeckung des dynamischen Auftriebs, der dem Vogelflug zu Grunde liegt.

So kann das Verständnis der Prinzipien menschlichen Denkens ein möglicher Schlüssel sein, Systeme zu entwickeln, die rationale Lösungen für Probleme unserer Welt errechnen können, also intelligent sind.

 

Sebastian Zebbities (Forschung & Entwicklung apenio)

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Sebastian Zebbities, Experte für künstliche Intelligenz und semantische Technologien im Team apenio® Forschung & Entwicklung und Autor dieses Artikels, steht Ihnen für Fragen oder Anregungen gern zur Verfügung unter Telefon +49 (0) 421 2 23 01-0 oder per E-Mail.

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