Entbürokratisierung oder Pflegeterminologien? Muss sich die Pflege entscheiden?

verfasst von: Karen Güttler (Leitung Forschung & Entwicklung)

Der Umfang des bürokratischen Aufwandes hat in der ambulanten und in der stationären Altenpflege mit den Jahren stark zugenommen und zu einer Unzufriedenheit vieler Pflegekräfte geführt. Das Bundesministerium für Gesundheit hat daher ein Projekt zum Bürokratieabbau in der Pflege finanziell unterstützt. Ziel hierbei ist eine Reduzierung der Dokumentation qualitäts- und rechtssicher sowie praxistauglich umzusetzen.

Stärkung von Personenzentrierung und Fachlichkeit

Das von Pflegeexpertin Elisabeth Beikirch u. A. in diesem Rahmen erarbeitete „Strukturmodell“ verfolgt zum einen den personenzentrierten Ansatz, d. h. eine konsequente Orientierung an den Bedürfnissen und Wünschen der pflegebedürftigen Personen. Zum anderen wird die Stärkung der Fachlichkeit und Kompetenz der Pflegenden herausgestellt. Ein drittes Merkmal der Entbürokratisierung ist die schnelle Orientierung, bessere Übersichtlichkeit und Zeitersparnis.

Strukturmodell - ein Gegensatz zu Pflegeklassifikationen?

Dieser neue Ansatz scheint im Widerspruch zu den seit langem international etablierten Pflegeklassifikationen und Terminologien zu stehen. So finden sich in dem Anforderungsprofil für die entbürokratisierte Dokumentation folgende Aussagen:

  • Freitextfelder dürfen keine automatischen Vorgaben oder Hinterlegung von Verknüpfungen in Form von Schlagwortkatalogen oder Auswahllisten enthalten.

  • Die Pflegemaßnahmen sollen primär als Freitext innerhalb der einrichtungsindividuellen Struktur formuliert werden.

Gründe hierfür sind z. B., dass bei Nutzung von Klassifikationen die Gefahr besteht, eine individuelle und fachliche Situationseinschätzung sowie ggf. den Verständigungsprozess nicht hinreichend abzubilden. Insofern haben Klassifikationssysteme in dem Strukturmodel keine Bedeutung.

Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit durch Klassifikationen und Terminologien

Dem gegenüber stehen die Klassifikationssysteme und Terminologien der Pflege mit einer hohen Standardisierung.

Vorteile einer Pflegefachsprache sind exakte und vergleichbare Beschreibungen von Situationen und Maßnahmen in der Pflegedokumentation und dadurch ein besseres Verstehen innerhalb der Berufsgruppe und des multidisziplinären Teams. Darüber hinaus sind codierte Pflegedaten essentiell für die Weiterentwicklung der Pflegequalität, der Pflegekontinuität, aber auch für die Vergleichbarkeit von Einrichtungen. Zudem sind codierte Daten unabdingbar in den sektorenübergreifenden Versorgungsprozessen. Alle Einrichtungen verstehen und interpretieren die Daten gleich (semantische Interoperabilität). Die Patienten- und Bewohnersicherheit wird beispielsweise durch Senkung von Übertragungsfehlern verbessert.

Vereinbarkeit von Klassifikation, Terminologie und Strukturmodell

In der Pflegesoftware apenio® kommt ein computerlinguistisches Modell zur Anwendung, welches Freitexte analysiert und für diese gleichzeitig die relevanten Elemente der Pflegefachsprache liefert.

Auf der Basis dieses Modells schreiben die Pflegenden Freitext z. B. in die Felder der „Strukturierten Informationssammlung“. Mittels der Textanalyse werden passende Pflegephänomene, -diagnosen, Ursachen und entsprechende Maßnahmen – sprich: codierte Daten – generiert. Obwohl in die Freitextformulierung der Pflegenden nicht eingegriffen wird, erhalten diese dennoch evidenzbasierte Vorschläge für ihre Pflegemaßnahmenplanung.

Mit diesem Konzept ist es möglich, einerseits den personenzentrierten Ansatz mit einer individuellen und fachlichen Situationseinschätzung und Berücksichtigung der individuellen Aspekte vorzunehmen, und andererseits codierte Daten zu erhalten und somit alle genannten Vorteile von Pflegeklassifikationen und -terminologien zu nutzen.

Ein weiterer Vorteil dieses Konzeptes ist, dass die semantische Interoperabilität durch das Strukturmodell nicht konterkariert wird.

Somit verbindet der Ansatz, die entbürokratisierte Pflegedokumentation gemäß des Strukturmodells über innovative Technologien mit den Vorteilen der codierten, evidenzbasierten Pflegedokumentation zu verknüpfen, das Beste aus beiden "Welten".

Zurück