Fugenelemente – Buchstaben aus dem Nichts?

verfasst von: Dr. phil. Florian Reinartz (Forschung & Entwicklung apenio®)

Woher kommt das „s“?

In einem vorigen Artikel wurde das Pflegephänomen „Koteinklemmungsmanagment“ als linguistisches Phänomen behandelt und die Wortverbindung aus „Kot“, „Einklemmung“ und Management“ analysiert. Dabei fiel ein sogenanntes Fugen-S zwischen den Wörtern „Einklemmung“ und „Management“ auf, das weiterer Erläuterung bedarf. Woher kommt dieses s, und warum wird es beispielsweise nicht auch zwischen „Kot“ und „Einklemmung“ eingeschoben?

Das Fugen-S gehört zu den Fugenelementen, die bei der Wortbildung des Deutschen auftreten können. Sie schieben sich an die Nahtstelle zweier Wörter. Die Fugenelemente -s (bzw. -es) und -n (bzw. -en) sind dabei im Deutschen am häufigsten, sieht man von der sogenannten (nicht sichtbaren) Nullfuge ab, die an den Nahtstellen von Wörtern grundsätzlich angenommen werden kann.

Nur ein Ei pro Becher

Dass eine semantische Motivation für das Auftreten von Fugenelementen besteht, kann durch ein einfaches Beispiel ausgeschlossen werden. So könnte man annehmen, dass die -er-Fuge im Wort „Eierbecher“ semantisch dadurch gerechtfertigt sei, dass sich der Eierbecher als „Becher für Eier“ paraphrasieren lässt. Nun lässt sich in einen Eierbecher aber nicht mehr als ein Ei unterbringen, was die genannte semantische Paraphrase konterkariert.

Blogbeitrag Linguistik: Beispiel für ein fehlendes Fungen-S

Mit oder ohne Fugen-S? | Bildquelle

Unterschiedliche Theorien

Ob und welches Fugenelement bei einer Wortbildung auftritt, konnte bislang noch nicht vollständig entschlüsselt werden. In der Sprachwissenschaft kristallisieren sich zwei mögliche Theorien zu Fugenelementen heraus. In der morphologischen Interpretation dienen Fugenelemente dazu, komplexere Wortzusammenfügungen zu strukturieren und Wortgrenzen genauer zu markieren. Der phonologische Erklärungsversuch behauptet dagegen, dass Fugenelemente die Aussprache vereinfachen bzw. Silben vervollständigen. Für beide Theorien lassen sich jedoch auch Gegenbeispiele finden: Gegen die morphologische Erklärung spricht wiederum der „Eierbecher“, gegen die phonologische Deutung z. B. das Wort „Stadttor“, das sich weniger gut aussprechen lässt als „Stadtstor“.

Das Lexikon als Alternative

Möglicherweise gibt es sogar gar keine Regelhaftigkeit der Fugenelemente. Dem Ansatz der Lexikalisierung folgend (d.h. der Fixierung von Worteigenschaften im Lexikon selbst) ist das Auftreten von Fugenelementen im Lexikon verankert und wird beim Spracherwerb schlicht mitgelernt und in unserem mentalen Lexikon abgespeichert.

Fugenelemente, das sind also wenige Buchstaben und viele Theorien. Welcher Ansatz sich durchsetzen wird, ist dabei noch völlig offen.

 

Florian Reinartz - Forschung & Entwicklung apenio

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Florian Reinartz, Linguistik-Experte im Team apenio® Forschung & Entwicklung und Autor dieses Artikels, steht Ihnen für Fragen oder Anregungen gern zur Verfügung unter Telefon +49 (0) 421 2 23 01-0 oder per E-Mail.

Weiterführende Literatur:

Donalies, Elke: Tagtraum, Tageslicht, Tagedieb – Ein korpuslinguistisches Experiment zu variierenden Wortformen und Fugenelementen in zusammengesetzten Substantiven. Mit einem Exkurs und zahlreichen Statistiken von Noah Bubenhofer. IDS, Mannheim, 2011 (amades 42).

Heide Wegener: Das Hühnerei vor der Hundehütte. Von der Notwendigkeit historischen Wissens in der Grammatikographie des Deutschen. (http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2006/998/pdf/wegener.pdf)

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