Koteinklemmungsmanagement: ein linguistisches Phänomen?

verfasst von: Dr. phil. Florian Reinartz (Forschung & Entwicklung apenio®)

Täglich neue Wörter

Als Sprachwissenschaftler lernt man beinahe jeden Tag neue Wörter kennen. Dies hängt unter anderem mit einer typischen Eigenschaft der deutschen Sprache zusammen, Wörter durch Zusammenfügen von bereits bestehenden Wörtern zu kreieren. Dieser Vorgang nennt sich Komposition, und er erzeugt eine prinzipiell unendliche Anzahl neuer Wörter, die vor allem wegen ihrer Länge sowohl bei Muttersprachlern als auch vor allem im Ausland immer wieder für Aufmerksamkeit und Belustigung sorgen.

Deutsche Wortungetümer

Ein Beispiel für ein solches Wortungetüm, das durch den Wortbildungsprozess der Komposition entsteht, ist der pflegerische Begriff „Koteinklemmungsmanagement“. Unter diesen Begriff aus der Pflegeinterventionsklassifikation NIC fällt ein Komplex pflegerischer Maßnahmen zur Prophylaxe, Beobachtung und Behandlung einer Obstipation, zu gut Deutsch: „Verstopfung“.

Arten der Wortbildung

Abgesehen von der Bedeutung dieses Begriffs stellt sich für Sprachwissenschaftler die Frage, wie dieser morphologisch gebildet wird. Die Morphologie, ein Teilgebiet der Linguistik, untersucht die interne Struktur von Wörtern sowie die verschiedenen Arten der Wortbildung. Neben der bereits erwähnten Komposition gibt es dabei die Derivation, die Wortbildung durch Voranstellen und/oder Anhängen eines Affixes. Beispiele für Präfixe sind Silben wie ent-, ver- oder un-; häufige Suffixe sind -ung, -heit oder -keit. Als dritte Möglichkeit der Wortbildung steht die Konversion zur Verfügung, ein Wortartenwechsel ohne Veränderung des Wortstamms (z.B. vom Verb „gehen“ zum gleichlautenden Substantiv „(das) Gehen“).

Die richtige Struktur

Wie wird nun ein Wort wie „Koteinklemmungsmanagement“ gebildet? Sprachwissenschaftlich interessant ist, welche Wortbestandteile enger zueinander stehen als andere. Konkret gefragt: Handelt es sich um ein Management für Koteinklemmung oder um ein Einklemmungsmanagement für Kot? Die Linguistik verwendet zur Veranschaulichung gerne die Baum- oder die Klammerdarstellung:

[[Kot[einklemmung]]s[management]] vs. [Kot[[einklemmung]s[management]]]

[[Kot[einklemmung]]s[management]] vs. [Kot[[einklemmung]s[management]]]

Bei der Entscheidung, welche Struktur die richtige ist, kommen andere linguistische Teilgebiete zum Tragen, in diesem Fall vor allem die Semantik und die Pragmatik. Trotz der inflationären Verwendung des Wortes „Management“ im modernen Sprachgebrauch, erscheint dabei das „Einklemmungsmanagement“ weniger gebräuchlich und plausibel als die „Koteinklemmung“ (obschon auch letztere noch nicht im Duden zu finden ist). Somit ist die zweite Strukturvariante hier die korrekte.

Ein weiteres spannenden Phänomen, das in diesem Zusammenhang auffällt, ist das sogenannte Fugen-S, das sich zwischen die beiden Worte schiebt und das Variante zwei als gültige Struktur untermauert. Doch woher kommt dieses Fugen-S überhaupt, zu welchem Wortbestandteil gehört es und hat es auch eine semantische Funktion? Diesen Fragen und ihren überraschenden Antworten wird in einem der nächsten Beiträge an dieser Stelle nachgegangen.

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