NACHGEFRAGT zum Thema „Neues Begutachtungsassessment (NBA)“ bei der Pflegewissenschaftlerin Yvonne Goltsche, Forschung & Entwicklung apenio®

verfasst von Dr. phil. Florian Reinartz (Forschung & Entwicklung apenio®) im Gespräch mit Yvonne Goltsche (Pflegewissenschaftlerin Forschung & Entwicklung apenio®)

Was ist das NBA?

Mit NBA assoziieren viele die nordamerikanische Basketball-Profiliga. In unserem Fachgebiet geht es allerdings um das neue Instrument zur Feststellung und Einschätzung von Pflegebedürftigkeit. Der Gesetzgeber hat in den letzten Jahren diverse Gesetze erlassen, um die Bedingungen in der Langzeitpflege zu verbessern. Dazu gehören die Pflegestärkungsgesetze I bis III. Durch das PSG I wurden vor allem das Leistungsspektrum und die Finanzierung erhöht, so dass z. B. mehr Geld für Leistungen der ambulanten Versorgung zur Verfügung steht. Das PSG II wird von der Politik oft als größte Pflegereform seit Einführung der Pflegeversicherung bezeichnet, da es u. a. den Pflegebedürftigkeitsbegriff neu definiert, worüber allerdings auch jahrelang diskutiert wurde.

Wie hat sich der Pflegebedürftigkeitsbegriff geändert?

Neben der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade wurde der Begriff Pflegebedürftigkeit neu definiert und schließt seit Anfang 2017 auch psychisch-kognitive Beeinträchtigungen mit ein. Zudem zielt er auf Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit und der Alltagskompetenz ab, unabhängig davon, wie diese zustande kommen. Hierdurch erlangen Menschen mit beeinträchtigter Wahrnehmung oder Erinnerung, (etwa bei Demenz), nun auch besseren Zugang zu Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung. Die Beeinträchtigung muss aber absehbar für mindestens sechs Monate bestehen, denn der Pflegebedürftigkeitsbegriff bezieht sich auf die Langzeitpflege.

Was und wie wird durch das NBA anders beurteilt als früher?

Es hat hier ein regelrechter Paradigmenwechsel stattgefunden. In der alten Definition von Pflegebedürftigkeit waren vor allem die erbrachten Leistungen, die Pflegeminuten, relevant, um eine Pflegeeinstufung vorzunehmen. Das NBA soll dazu dienen, die tatsächlichen Beeinträchtigungen der jeweiligen Person langfristig einzuschätzen. Dies schließt nun auch kognitive Fähigkeiten, die Orientierung sowie das Zurechtfinden im Alltag mit ein. Es zielt also auch vor allem auf Pflegephänomene, die mit Demenz zusammenhängen.

Wie sieht das NBA konkret aus?

Das neue Begutachtungsassessment umfasst sechs Module. Dabei beziehen sich die Module eins bis drei auf die Beurteilung der Fähigkeiten der betroffenen Person. Die Fähigkeiten bzw. Einschränkungen werden durch vier Schweregrade erfasst. Bei den Modulen vier bis sechs, insbesondere in Modul fünf, ist jedoch nach wie vor der Leistungsbezug erkennbar. Durch die Abwendung in der Betrachtungsweise von den Fähigkeiten einer Person hin zu der Zählung von Leistungsdurchführungen ist der besagte Paradigmenwechsel hier nicht konsequent durchgezogen worden, was von Pflegewissenschaftlern durchaus kritisch diskutiert wird. Durch diese Inkonsequenz wird sogar die Validität des gesamten Instruments infrage gestellt.

Wie ist das NBA entstanden?

Für das NBA wurden verschiedene Skalen und Assessment-Instrumente aus der Pflege zu einem Gesamtinstrument zusammengefügt. Es ist also kein grundlegend neues Konzept entwickelt worden – auch dies wird in der Pflegewissenschaft kritisch betrachtet. Zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit werden mehr Items abgefragt und diese unterschiedlich gewichtet. Die körperlichen Einschränkungen besitzen aber nach wie vor größere Gewichtung als die kognitiven. Man kann anzweifeln, ob das NBA also wirklich größere Differenziertheit bietet oder nicht sogar die gleichen Ergebnisse liefert wie vorher – allerdings verbunden mit einer deutlich aufwändigeren Abfrage.

Betrifft dies auch die neu eingeführten Pflegegerade?

Die Erweiterung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade wirkt zunächst wie eine Ausdifferenzierung. Bei genauem Hinsehen stellt man aber fest, dass es vorher auch schon fünf Einteilungen gab: Die drei Pflegestufen konnten nämlich noch durch zwei Härtefall-Stufen ergänzt werden.

Welche Auswirkungen hat das NBA auf die digitale Pflegedokumentation, etwa mithilfe von apenio®?

Für eine Software mit eigener Fachsprache und Klassifikation ist das NBA zweckdienlich, da Klassifikationen wie die von apenio® auch nach Fähigkeiten bzw. Beeinträchtigungen geordnet sind und eine ähnliche Skalierung vorliegt. Die Patientendokumentation hat ebenfalls Auswirkungen auf das Pflegegradmanagement, denn die Dokumentation kann Hinweise auf eine richtige Einschätzung liefern. In apenio® werden künftig über die Assessments auch automatisch Vorschläge für einen Pflegegrad generiert. Es ist sogar der umgekehrte Weg möglich, d. h. vom Pflegegrad zum Assessment. In einem nächsten Schritt kann aus dem Assessment bzw. Pflegegradmanagement dann sogar eine Interventions- bzw. Leistungsgenerierung resultieren.

 

Sie möchten mehr erfahren oder mit uns zu diesem Thema diskutieren?

Yvonne Goltsche, Pflegewissenschaftlerin im Team apenio® Forschung & Entwicklung, steht Ihnen für Fragen oder Anregungen gern zur Verfügung unter Telefon +49 (0) 421 2 23 01-0 oder per E-Mail.

 

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