NACHGEFRAGT zum Thema „Personaluntergrenzen in der Pflege“ bei der Pflegewissenschaftlerin Yvonne Goltsche, Forschung & Entwicklung apenio®

Ab 2019 soll es in Krankenhäusern Personaluntergrenzen für Pflegekräfte geben. Was bedeutet dies für Pflegende und Patienten und welche Erwartungen und Risiken sind damit verbunden?

Die letzte Bundesregierung hat im Jahr 2017 die Einführung von Personaluntergrenzen in der Pflege beschlossen, die neue Regierung wird diesen Beschluss umsetzen. Warum soll es diese Grenzen überhaupt geben?

Der Ursprung dieser Bemühungen liegt in den Pflegestärkungsgesetzen der letzten Bundesregierung. Grund für die Personaluntergrenzen ist eine angestrebte Verbesserung der Personalsituation in der pflegerischen Patientenversorgung, um letztlich die Pflegequalität und Patientensicherheit sicherzustellen. Personaluntergrenzen sollte es dabei zunächst in sogenannten „pflegesensitiven“ Bereichen geben. Das sind Bereiche, in denen ein Mangel an Pflege besonders schwerwiegende Auswirkungen auf die Patienten haben kann. Identifiziert wurden Bereiche, die als „pflegeintensiv“ aber auch sehr kostenintensiv gelten, z. B. Geriatrien und Neurologien. Pflegepersonal fehlt aber im Grunde in sämtlichen Bereichen. Darum hat man sich auch im neuen Koalitionsvertrag auf Personaluntergrenzen in allen Bereichen verständigt, nicht nur in den „pflegesensitiven“.


Wie ist man denn bislang mit dem Personalmangel umgegangen?

Zusätzlich zu der Rationierung von Pflegeleistungen im Alltag gab und gibt es die starke Tendenz, Personal kurzfristig über Zeitarbeitsfirmen und Personaldienstleiter oder selbstständig arbeitende Pflegekräfte einzustellen. Eine langfristig qualitativ hochwertige Pflege ist damit aber nicht gewährleistet, da diese Mitarbeiter oft nicht die Zeit haben, sich in die Prozesse und Abläufe der Einrichtungen einzufügen. Somit ist der Pflegealltag nicht wirklich kontinuierlich geregelt. Außerdem bleibt der Kern des Problems unberührt: Pflegeberufe sind und bleiben unattraktiv. Es gibt zu geringe Bezahlung bei zu hohen Anforderungen und zu geringen Karriereaussichten, gepaart mit der Unzufriedenheit, dem eigenen Berufsanspruch nicht mehr gerecht zu werden.

Die neue Bundesregierung hat weitere Anpassungen an den Gesetzen vorgenommen, welche die Pflege betreffen. Sind dadurch Besserungen in Aussicht?

Eher im Gegenteil. Die Ausdehnung der Personaluntergrenzen auf sämtliche Bereiche, nicht nur die sogenannten „pflegesensitiven“ Bereiche, scheint zwar grundsätzlich eine gute Idee zu sein, aber: Wer füllt diese Stellen überhaupt auf? Für eine gute Pflege ist sicherlich mehr notwendig als die Festlegung von Minimalbesetzungen, die dann durch eine kurzfristige Einstellung von Personal erfüllt werden. Die Personaluntergrenzen sind definitiv kein Mittel, um langfristig die Qualität der Pflege und der Patientensicherheit zu steigern.


Wer legt überhaupt die Zahlen für die Personaluntergrenzen fest?

Grundlage sollten zum einen die Fallzahlen und diverse Belastungskennziffern des DRG-Systems sein. Seitens des Bundesministeriums wurde ein Expertengremium, welches federführend aus den Selbstverwaltungen der DKG und des GKV-Spitzenverbandes besteht, beauftragt bis Juni 2018 konkrete Vorschläge zu Personaluntergrenzen zu liefern – ein Zeitplan, der mir äußerst knapp erscheint. Verbindlich eingeführt werden sollen diese zum 01. Januar 2019. In dem ersten Zwischenbericht wird klar, wie schwierig und vielschichtig die Festlegung solcher allgemein gültigen Minimalbesetzungen ist.

Woran will man sich also konkret orientieren?

Genau das ist die Frage. Eigentlich müsste die Pflege selbst die Indikatoren mit festlegen. Die Datengrundlage ist hier aktuell noch unklar. In der Pflege fehlen auch entsprechende Selbstverwaltungsinstrumente, um Bedarfe bzw. Indikatoren zu ermitteln. Immerhin liefern der Deutsche Pflegerat und die „Profession Pflege“ erste Vorschläge bzw. Stellungnahmen. Auch die Pflegekammern hätten Handlungsbedarf und -möglichkeiten. Ausschlaggebend werden aber aktuell die Entscheidungen des Expertengremiums der Bundesregierung sein.


Welche möglichen Nachteile haben Personaluntergrenzen in der Pflege?

Es ist etwas paradox: Es besteht die große Gefahr, dass eine Untergrenze zugleich auch eine Obergrenze wird. Wenn eine Einrichtung bereits viel in die Pflege investiert hat, könnte diese ihr Personal durch die Untergrenze sogar verringern. Es könnten Fehlreize geschaffen werden. Darum sollten Untergrenzen nicht pauschal festgelegt werden, sondern müssten jeweils an den Einrichtungen und letztlich an den Patientenbedürfnissen orientiert sein.


Ist Digitalisierung im Sinne von digitaler Patientendokumentation hilfreich, um die Bedarfe und Indikatoren zu ermitteln?

Ja, Digitalisierung bietet ja überhaupt erst die Möglichkeit, eine Datengrundlage für transparente Pflege zu ermitteln. Durch standardisierte Erhebung von Daten können die Pflegebedarfe und die Leistungen der Pflegekräfte abgesteckt und festgehalten werden. Die Wichtigkeit von digitalen Pflegedokumentationen (wie z. B. apenio®), welche die Erfassung und Auswertung von Pflege- und Patientendaten ermöglichen, wird zunehmen. Kliniken, die in der Lage sind, ihre Pflegeaufwände detailliert und anlassbezogen zu planen, auszuwerten und zu steuern, liefern im Umkehrschluss notwendige Daten.

 

Sie möchten mehr erfahren oder mit uns zu diesem Thema diskutieren?

Yvonne Goltsche, Pflegewissenschaftlerin im Team apenio® Forschung & Entwicklung, steht Ihnen für Fragen oder Anregungen gern zur Verfügung unter Telefon +49 (0) 421 2 23 01-0 oder per E-Mail.

 

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