NACHGEFRAGT zum Thema „Pflege 4.0 – Pflegen uns bald Roboter?“ bei Karen Güttler, Leiterin Forschung & Entwicklung apenio®

Moderne und vernetzte Informations- und Kommunikationstechnologien durchdringen zunehmend das Gesundheitswesen und damit auch die Pflege. Die Digitalisierung der Pflege gilt gemeinhin als unausweichlich. Doch was bedeutet „Pflege 4.0“ genau, und welche Veränderungen und Herausforderungen stehen hinter diesem Schlagwort?

Woher kommt der Begriff „Pflege 4.0“ und was bedeutet er?

„Pflege 4.0“ leitet sich von den Begriffen „Industrie 4.0“ und „Arbeit 4.0“ ab. Dies sind die gegenwärtigen Schlagworte für die Digitalisierung und die damit verbundenen Veränderungen in der Produktions- und Arbeitswelt. Sie stehen für den Einsatz intelligenter, innovativer Systeme bzw. Technologien, für die Vernetzung von Gegenständen, Personen, Prozessen und Abläufen u. v. m.
Bei „Pflege 4.0“ geht es einerseits um digitale Pflegedokumentation und Leistungserfassung, aber auch um logistische Prozessunterstützung in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Auch im Bereich von Sensorik, Überwachung und Monitoring werden zunehmend intelligente, vernetzte Techniken eingesetzt.

Was sind die Erwartungen an „Pflege 4.0“?

„Pflege 4.0“ wird als Chance gesehen, die Herausforderungen, vor denen professionelle Pflege steht, effizient zu unterstützen sowie den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel durch Technisierung bzw. Digitalisierung abzufedern. Subsumieren lassen sich die Erwartungen an „Pflege 4.0“ unter dem Begriff 'Arbeitserleichterung'. Letztlich führen diese Ziele zur nachhaltigen Steigerung der Versorgungsqualität.

Wie soll dies erreicht werden?

Bei „Pflege 4.0“ geht es vor allem um Entscheidungsunterstützung und Prädiktion, Automatisierung sowie schlanke transparente Prozesse und Vernetzung. Diese erreicht man durch digitale Dokumentation und Leistungserfassung, interoperabele Systeme und durch Bereitstellung von Patientendaten. Voraussetzung dafür ist natürlich eine gute IT-Infrastruktur mit entsprechenden mobilen Endgeräten, Wearables und sogenannten „Smart Medical Decives“. Das können z. B. vernetzte Pflaster oder Implantate mit Sensoren sein.

Wie werden Pflegekräfte konkret unterstützt?

Pflegende werden bei Arbeitsprozessen, Organisationsstrukturen und konkreten Handlungsabläufen unterstützt. Wir reden hier ja nicht von Pflegerobotern, von denen man hin und wieder hört, sondern zunächst von Erleichterungen bei der Dokumentation, der Wissensvermittlung, der Entlassung über Übergabe usw. Und die Erhebung von medizinisch-pflegerischen Daten über smarte, vernetzte Geräte gehört dazu.

Dennoch gibt es auch kritische Stimmen…

Ja, neben den positiven Erwartungen wird die Digitalisierung in der Pflege auch kritisch gesehen. Digitalisierung und innovative Technologien sind zwar von Bedeutung für die Pflegearbeit, der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt aber in der personennahen Dienstleistung und zwischenmenschlichen Fürsorge. Befürchtet werden Deprofessionalisierung der Pflege, Vernachlässigung der kontextuellen Lebensbedingungen und körperlicher Aspekte der Pflegearbeit sowie eine Gefährdung der Beziehung zwischen Pflegenden und Patienten. Vor allem für Letzteres soll die Digitalisierung aber eher neue zeitliche Räume eröffnen statt, wie befürchtet, die zwischenmenschliche Beziehung zu verringern.

Ist die Befürchtung, dass wir in Zukunft von Robotern gepflegt werden, also eher eine Dystopie?

Ja, diese Befürchtung ist mit Sicherheit etwas überzogen. Natürlich wird in der „Pflege 4.0“ auch Robotertechnik zum Einsatz kommen, aber dass ein Roboter Nahrung verabreicht oder Patienten wäscht, dagegen wird es berechtigterweise Widerstände geben. Ich denke nicht, dass es so weit kommen wird.

 

Sie möchten mehr erfahren oder mit uns zu diesem Thema diskutieren?

Karen Güttler, Pflegewissenschaftlerin und Leitung im Team apenio® Forschung & Entwicklung, steht Ihnen für Fragen oder Anregungen gern zur Verfügung unter Telefon +49 (0) 421 2 23 01-0 oder per E-Mail.

 

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