Entbürokratisierung und Pflegeterminologien: Widerspruch oder Synergiepotenzial

Das Entbürokratisierungskonzept verfolgt einen patientenzentrierten Ansatz der scheinbar im Widerspruch zu den seit langem im internationaler Bereich etablierten Pflegeklassifikationen und Terminologien, mit deren Vorteilen z.B. den strukturierten und codierten Daten, steht.

Muss sich die Pflege in Deutschland nun entweder für das eine oder das andere Modell eines Dokumentationssystems entscheiden oder gibt es intelligente Systeme welche die Vorteile beider Modelle vereint?

Der Ansatz des Entbürokratisierungskonzeptes mit Stärkung der Individualität und Selbstbestimmung der Pflegebedürftigen sowie dem Herausstellen der fachlichen Kompetenz der Pflegenden lässt sich laut dem Anforderungsprofil nicht mit standardisierten Klassifikationen, sondern nur mit freitextueller Dokumentation verwirklichen [1].

Fraglich ist, wie sich aus diesen unstrukturierten Texten dennoch auswertbare Daten für Qualitätsentwicklung, Kommunikationsverbesserung und Pflegeforschung generieren lassen und wie Interoperabilität gewährleistet werden kann?

Zur Beantwortung dieser Fragen kommt ein computerlinguistisches Modell zur Anwendung, welches zur Analyse von Freitexten dient und für diese die statistisch relevanten Elemente der Pflegefachsprache liefert.

Dazu wurden in einem ersten Schritt einige Tausend Wörter, Abkürzungen und Phrasen, die im Pflegealltag über die Fachsprache hinaus Verwendung finden, auf Basis einer statistischen Analyse von digitalen Pflegeberichten identifiziert. In einem zweiten Schritt wurden diese Sprachelemente mit Konzepten der Referenzterminologie verbunden.

Größere semantische Textzusammenhänge (z.B. Sätze oder Abschnitte) wurden als N-Gramme auf die komplexen Elemente der Pflegefachsprache apenio® abgebildet.

Auf der Basis dieses Modells schreiben die Pflegenden Freitext zum Beispiel in die jeweiligen Felder der SIS, die initiale Bewohnerbefragung und  die sechs verschiedenen Themenfeldern.

Mittels der beschriebenen Textanalyse werden passende Phänomene, Ursachen und entsprechende Maßnahmen – sprich codierte Daten – generiert. Diese Vorschläge können durch die Pflegenden ausgewählt, bestätigt und somit für den Bewohner als relevant definiert werden. Die ausgewählten Phänomene und Ursachen werden dem Bewohner zugeordnet und können für die Vorschlagsgenerierung in der Maßnahmenplanung zur Verfügung gestellt werden. Obwohl in die Freitextformulierung der Pflegenden nicht eingegriffen wird, erhalten diese dennoch eine Entscheidungsunterstützung durch teilweise evidenzbasierte Vorschläge von Pflegephänomenen, Ursachen und Interventionen.

Die so zur Verfügung stehenden codierten Daten können für die Zwecke der Qualitätssicherung, des Controllings und Managements sowie für die sektorenübergreifende Pflege genutzt werden. Sie erfüllen zudem eine Bedingung für den konkreten Einsatz IT gestützter Versorgungsstrukturen nämlich die Nutzung und und Anwendung pflegerischer Klassifikationen in der Praxis [2].

 

[1] FINSOZ, EinSTEP, DVMD(2015): Anforderungsprofil für die Abbildung des Strukturmodells in Dokumentationssystemen

[2] Bundesverband Pflegemanagement (2015): IT in der Pflege. S. 8

Präsentation im Rahmen des conhIT Kongress 2016

Präsentationsfolien als PDF (1,7 MiB)

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